Nicht nur junge Neuankömmlinge tummeln sich zu Semesterbeginn in den niedersächsischen Hochschulen. Unter die Studierenden mischen sich jedes Semester immer mehr Seniorstudenten. Ihr Berufsleben liegt bereits hinter ihnen – ausgelernt haben sie aber noch lange nicht.

Mit seinen 68 Jahren blickt Jürgen Gansäuer auf ein langes Leben zurück. Der ehemalige niedersächsische Landtagspräsident hat sein Berufsleben bereits erfolgreich hinter sich gebracht. Doch Anfang Oktober haben auch seine «Ferien» wieder ein Ende: Dann mischt er sich unter die rund 162 000 Studenten in Niedersachsen und setzt sein Masterstudium an der Universität Göttingen fort. Seit viereinhalb Jahren drückt Gansäuer dort als ordentlicher Student die Hörsaalbank – mit 1,6 schloss er im vergangenen Jahr seinen Bachelor in Geschichte ab. «Nach 34 Jahren im Landtag konnte man mir dort nichts mehr beibringen», sagt Gansäuer und lacht. «Ich wollte etwas sinnvolles machen, von dem ich immer geträumt habe.» Gansäuer ist nicht der einzige, den es nach der Rente an die Universität zieht.
Die meisten Senioren absolvieren jedoch ein Gasthörstudium. Unabhängig von Schulabschluss und Alter können wissenschaftlich Interessierte auf diesem Wege gegen eine Gebühr an fast allen Veranstaltungen des regulären Uni-Betriebs teilnehmen. An der Seite der «regulären» Studierenden bildeten sich so im vergangenen Wintersemester 2772 Gasthörer in Niedersachsen weiter. Die Senioren machen einen Großteil der Gasthörer aus: Allein an der Uni Hildesheim gehören etwa 80 Prozent der Generation «60 plus» an.
Masterstudent Gansäuer ist sich sicher, dass die Bildung für Senioren ein Wachstumssektor ist. «Die ältere Generation hat hohe Ansprüche an ihr Leben und ein großes Bildungsbedürfnis», meint er. Bestimmte Interessen fänden neben dem Beruf keinen Platz. Erst im Rentenalter könne man ihnen wieder nachgehen. «Die Ansprüche hören nicht mit der Rentengrenze auf. Die Gesellschaft muss hier völlig umdenken.» Auf dem Campus fühlt sich Gansäuer trotz seines Alters richtig wohl. «Ich habe eine enge Beziehung zu den jungen Leuten entwickelt», erzählt er. Für zwei Jahre sei er sogar von montags bis donnerstags ins Studentenwohnheim gezogen. «Für die Vor- und Nachbereitung, Referate und Hausarbeiten war viel Zeit nötig, ich habe oft die Woche und das Wochenende gebraucht.»
Dass immer mehr Senioren an die Uni wollen, belegen aktuelle Zahlen aus Oldenburg. Der Anteil der Senioren unter den Gasthörern sei hier im Vergleich zu 2011 um rund 20 Prozent gestiegen. «Ein Grund für den Anstieg ist sicherlich der demografische Wandel und dass viele Ältere über eine Hochschulzugangsberechtigung oder über ein abgeschlossenes Hochschulstudium verfügen», meint Christiane Brokmann-Nooren von der Universität Oldenburg. Deshalb wünschten sich viele, im Alter an die Hochschule zurückzukehren.
«Das Studium bietet eine Möglichkeit, nicht von 100 auf 0 zu fallen, nachdem man im Berufsleben ausscheidet», sagt Gasthörer Karl-Dieter Wiennecke. Seit 1998 besucht der 78-Jährige Veranstaltungen an der Universität Hildesheim. Auch er interessiert sich am meisten für Geschichte. «Vor allem für neuere Geschichte – davon haben wir ja selbst viel miterlebt.»
In Hannover besuchten im vergangenen Wintersemester 843 Gasthörer Veranstaltungen der Universität. Einige der Seniorstudenten setzen sich in eigenen Projekten aktiv für das Zusammenleben an der Uni ein. Im Rahmen des Patenschaftsprogramms «Senior Student Partnership» wollen sie ausländischen Studierenden den Aufenthalt in Deutschland erleichtern. Sie helfen ihnen beispielsweise bei den Hausaufgaben. «Die Patenschaft ist eine Mischung aus praktischer Hilfe und Freundschaft», sagt Seniorstudentin Gisela Bode. Schließlich könnten sie selbst von der Hilfe der jungen Studenten profitieren, etwa bei Computerproblemen. Dass die Senioren eine besondere Rolle im Uni-Leben spielen, meint deshalb auch Marcus Hoppe vom International Office. «Die Seniorstudenten sind sehr engagiert, sie haben so einiges erlebt und können viel weitergeben.»

(Quelle: dpa)